Chanie Wenjack (19.01.1954 - 23.10.1966)

Die wahre Geschichte von "Lauf kleiner Adler lauf"

Wer die CD "Fliegende Feder" von Pit Budde mit vielen Indianerliedern kennt, kennt wahrscheinlich auch das Lied vom Kleinen Adler, der durch Schnee und Eis versucht nach Hause zu laufen. Was viele jedoch nicht wissen, den Kleinen Adler gab es wirklich. Nicht nur in den USA sondern in Kanada sogar noch fast bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. - Dies ist die traurige Geschichte hinter dem Lied "Lauf kleiner Adler lauf" von Pit Budde.

Bild von Chanie Wenjak - Foto: Wenjack Family (über Wikipedia)

Bild von Chanie Wenjak - Foto: Wenjack Family (über Wikipedia)

"Lauf kleiner Adler lauf, durch Wälder, Eis und Schnee,
und folg den Sternen in der Nacht, den Spuren über den See ..."

Mit diesen Zeilen beginnt Pit Budde sein Lied "Lauf kleiner Adler lauf" auf der CD Fliegende Feder, in welchem er über einen kleinen Indianerjungen singt. In diesem Lied flieht der Junge aus einer Schule weit weg von seiner Heimat und versucht zu seinen Eltern zurückzukehren. Leider schafft er es nicht und stirbt unterwegs.

Nachdem die Kinder unserer Indianerfreizeit dieses Lied in den letzten Jahren immer sehr gerne gesungen oder als Basis für eigene Texte nahmen, haben wir sie auf der Freizeit 2018 einmal mit der "Geschichte hinter der Geschichte" konfrontiert. Die Kinder haben auf der Freizeit selbst mehr als nur zugehört.

Chanie Wenjack auf der Indianerfreizeit 2018

Chanie Wenjack

Sein Leben - sein Leiden - sein Sterben

Chanie Wenjack wurde nur 12 Jahre, 9 Monate und 4 Tage alt. Dies im Zusammenhang mit dem Alter einiger unserer Teilnehmer entgegengesetzt ... viele unserer Abgnger des Jahre 2018 wären während der Freizeit selbst auch schon tot gewesen. Mit diesen nackten Zahlen konfrontiert, beschäftigten sich einige Kinder nach der Lagergrenzenralley ausführlicher mit dem "indigenen Kind" dessen Tod auch in Kanada endlich die Diskussioen rund um die Indianerschulen begann.

Nach seiner Geburt am 19. Januar 1954 lebte Chanie mit seiner Familie in Ogoki Post im Marten Falls Indian Reserve in der kanadischen Provinz Ontario. Mit 9 Jahren kam er schließlich - zusammen mit zwei seiner Schwestern - auf die Cecilia Jeffrey Indian Residential School, einem kanadischen Indianerinternat in der Nähe von Kenora, mehr als 600km von Ogoki Post entfernt. Dort wurde ihm schließlich auch sein "westlicher" Name Charlie gegeben.

Flucht

Der Direktor der Cecilia Jeffrey Indian Residential School beschrieb Chanie Wenjack nach seiner Flucht als einen Jungen der unter anderem geschickt daraun war Wortspiele zu bemerken. Allerdings starb er auch bevor er überhaupt Englisch lesen konnte.

Am Nachmittag des 16. Oktober 1966 floh Chanie, zusammen mit zwei Freunden, vom Außengelände des Internats. Bei seinem - gelungenen - ersten Fluchtversuch hatte Chanie nur die leichter Baumwollkleidung, die er an diesem Nachmittag trug, bei sich - keine Jacke oder andere Kleidungsstücke. Am 16. Oktober 1966 flohen neben Chanie und seinen beiden Freunden weitere neun Kinder aus der Cecilia Jeffrey Schule.

Seinen Freunden, mit denen er das Internat verließ, erzählte Chanie die Sehnsucht nach seinem Vater als Grund für seine Flucht. Seine Schwester Pearl glaubt dies bis heute nicht und hat ihre eigene Theorie.

Während der ersten Etappe seiner Flucht, folgte Chanie Wenjack seinen Freunden bis zur Hütte deren Onkel in der Nähe von Redditt. Allein am ersten Nachmittag liefen die drei Jungs über acht Stunden bis sie sich schließlich eine Übernachtungsmöglichkeit suchten.
Nach der Ankunft bei der Hütte Charles Kelly, dem Onkel seiner Freunde, begleitete er diese noch ein kurzes Stück, bevor er schließlich alleine loszog um seinen Vater zu finden.

Nur mit einem Glas Streichhölzer bei sich, befolgte Chanie den Rat Kellys den Eisenbahnschienen zu folgen und bei den Eisenbahnarbeitern nach Essen zu fragen.

Tod

Während der nächsten 36 Stunden schaffte Chanie Wenjack noch 19 Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Gleichzeitig zog der kanadische Winter mit gefrierendem Regen und Schneestürmen heran. Nur mit einer Baumwolljacke und ohne Essen lief er bei Temperaturen zwischen -1 und -7°C jetzt an der Bahnlinie entlang.
Als Chanies toter Körper schließlich gefunden wurde, war dieser von vielen Stürzen gekennzeichnet.

Eine Woche nach seiner Flucht, am frühen Morgen des 23. Oktober 1966 starb Chanie Wenjack schließlich über 60 Kilometer von der Cecilia Jeffrey Indian Residential School entfernt an der Eisenbahnlinie. Am Ende seiner Flucht starb Chanie schließlich an Unterkühlung und Unterernährung.
Seine Leiche wurde schließlich von einem Bahnarbeiter während seiner Fahrt neben den Gleisen entdeckt.

Der Tod von Chanie Wenjack

Ein Wendepunkt in der Geschichte Kanadas

Auch wenn es noch weitere 30 Jahre bis zur Schließung der letzten "Indianerschule" in Kanada 1996 dauern sollte, so markiert der Tod von Chanie "Charlie" Wenjack im Oktober 1966 dennoch einen Wendepunkt im Umgang mit den indigenen Völkern in Kanada.

Zum Todesfall Chanie Wenjack fand am 17. November 1966 eine gerichtlihe Untersuchung statt. Während der Untersuchung wurden unter anderem die Jungen, die Chanie während der Flucht begleitet hatten, und die Männer, bei denen diese schließlich geblieben waren, befragt.
Von den Ergebnissen der Untersuchug erfuhr die Familie Wenjack erst im nachhinein aus Radio und Zeitung. Ihnen war es nicht gestattet worden der Untersuchung beizuwohnen.

Mit einem Artikel des Jornalisten Ian Adams in der Zeitschrift Maclean's im Februar 1967 erreichte die Geschichte von Chanie erstmals große Aufmerksamkeit in der kanadischen Bevölkerung.
Gleichzeitig wurde er ein Symbol des Widerstandes gegen die "Kolonialmacht" Kanada bei der indigenen Bevölkerung.

1972 setzten sich Mitglieder der Abteilung für indianische Studien und indigene Studenten dafür ein, dass die Trent Universität ihr neu erbautes College nach Chanie Wenjack benannte. Zu diesem Zeitpunkt war man in Kanada allerdings scheinbar noch nicht zu diesem Schritt bereit. So wurde am Ende ersteinmal der größte Hörsaal des Colleges "Wenjack Theatre" genannt.
Inzwischen finden die indigenen Studien auf der Trent University auch ganz offiziell auf der Chanie Wenjack School for Indigenous Studies statt.

1978 veröffentlichte William "Willie" Dunn, ein kanadischer Musiker indigener Abstammung, schließlich auf seinem Album Akwesasne Notes den Titel "Charlie Wenjack" mit der Geschichte der Flucht.

Zwanzig Jahre später veröffentlichte 1998 der deutsche Musiker Pit Budde schließlich die CD "Fliegende Feder" mit dem Lied "Lauf kleiner Adler lauf" mit deutlichen Anlehnungen an Dunns Text und der Geschichte von Chanie "Charlie" Wenjack.

50. Todestag Oktober 2016

Rund um dem 50. Totestag von Chanie Wenjack im Oktober 2016 entstanden in Kanada vielfältige Werke rund um sein Leben, die Flucht und den Tod.

  • Der kanadische Autor Jpseph Boyden schieb und veröffentlichte seinen Roman "Wenjack". Dieser wurde zunächst von den Kritikern gut aufgenommen, gilt aber inzwischen scheinbar eher als umstritten.
  • Gord Downie, Frontan der Band Tragically Hip, veröffentlichte schließlich mit "The Secret Path" nicht nur eine musikalische Aufarbeitung der Geschichte von Chanie Wenjacks Flucht. Zusammen mit dem Fernsehsender CBC und dem Zeichner und Illustrator Jeff Lamire entstand darüber hinaus auch noch eine filmische Umsetzung (Animationsfilm) und ein graphischer Roman.

Insbesondere "The Secret Path" führte hierbei zu weitflächigen Aktionen und Beschäftigungen mit dem Thema Indianerschulen und der eigenen kanadischen Vergangenheit im Umgang mit den einzelnen Indianervölkern. Einiges hiervon wurde auf unterschiedlichen Kanälen des Senders filmisch begeitet.

Mehr zum Thema Chanie Wenjack (in Englisch)

The Secret Path

Gord Downie & Jeff Lemire
Secret Path - Grafik: Simon & Schuster Secret Path - Grafik: Simon & Schuster

Verlag: Simon & Schuster
ISBN: 978-1501155949

Leider nur als Import zu bekommen (und daher auch leider nicht in jeder Buchhandlung) ist die Buchausgabe von "The Secret Path".

Zusammen mit den Liedtexten des Albums von Gord Downie bildet der graphische Roman mit den Zechnungen von Jeff Lemire einen stummen Einblick in die Verfilmung von CBC und spricht auch ohne Bewegtbild in Verbindung mit den Texten, aber natürlich auch mit der Begleitung der dazugehörigen CD.

Wir empfehlen - vor der evtl. Anschaffung des Buches - aber auf jeden Fall die CBC-Verfilmung von Buch und CD von CBC auf Youtube sich anzuschauen.

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Übersicht Indianerlager Äckerhof - Foto: NAJU BW / L. Praetorius

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